Endlich wieder Triathlon!

Ist das noch Regen oder schon der Weltuntergang?

Etwas trübselig blicke ich in der Vitalwelt in Schliersee aus dem Fenster durch einen dichten Vorhang aus Tropfen und lasse die Gedanken kreisen. Zum Glück gibt es diesen trockenen Ort, den der Veranstalter vorsorglich mit Biergarnituren ausgestattet hat. Regenradar und Wetterbericht verheißen zum Ende des Wettkampfs Besserung. Immerhin. Und schiene die Sonne, wie noch die Tage davor, wäre es nicht der Schliersee-Triathlon. 2016 bin ich hier schon mal gestartet. Damals hat es nicht nur geschüttet, sondern es war auch 7 Grad kalt. Insofern sind die Bedingungen des heutigen Tages eine deutliche Verbesserung.

Mehr als ein Jahr ist es nun her, dass ich das letzte Mal einen Triathlon gemacht habe. In Roth war das. Langdistanz. Ein paar Wochen später fiel bei der Mitteldistanz in Zell am See das Radfahren aus. Es hatte fast bis ins Tal herunter geschneit – im August! Also wurde nur geschwommen und gelaufen. Es kann also schlimmer kommen. Und es kam schlimmer: Im Januar musste ich meine linke Achillessehne operieren lassen. Jetzt sind also beide Sehnen hinüber. Rechts war schon 2014 fällig. Vor allem beim Laufen musste ich mich danach erst wieder mühsam ran kämpfen. Der Sixtus Alpentriathlon ist also mein Wiedereinstieg und erster Test nach längerer Wettkampf-Pause und ich fühle mich wieder wie ein Rookie.

Im Internet war die Wassertemperatur des Schliersees mit 25 Grad angegeben. Gedanklich war ich daher auf ein Schwimmen ohne Neopren-Anzug eingestellt. Aber scheinbar haben die Wettkampfrichter das Thermometer bei der offiziellen Messung tief genug versenkt. 21,3 Grad soll der See haben. Damit ist Schwimmen im Neo erlaubt. Für mich als schlechter Schwimmer eine gute Nachricht. Also rein ins Gummizeug, raus aus der Vitalwelt, rein in den See. Ob es regnet oder nicht ist beim Schwimmen eh Wurscht. Nass wird man sowieso. Nach kurzem Einschwimmen geht es für mich in der zweiten Startwelle los. Die meisten stellen sich gleich nach dem Eingang zum Schwimmstart an die Wasserkante. Ich als „alter Fuchs“ gehe durch bis an den rechten Rand der Startzone. Da ist der Weg zur ersten Boje kürzer und es ist mit weniger Getümmel zu rechnen. Nachdem mich meine Schwimmleistungen nicht zu einem Platz in der ersten Reihe ermächtigen, stelle ich mich mit etwas Respektabstand in die zweite.

Die Nervosität steigt. Die Aussicht, gleich mit so vielen Leuten gleichzeitig ins Wasser zu rennen, fühlt sich deutlich anders an als das Schwimmen im Training. Gedanken fliegen durch den Kopf: Sitzt die Schwimmbrille richtig? Nicht zu eng und nicht zu weit? Kommt kein Wasser rein? Bleibt sie beschlagfrei? Sitzt das Kopfband richtig? Wie viel Haue wird es gleich geben? Da donnert auch schon der Kanoneschuß durch die Luft. Ich renne los. Ein Sprung. Vollgas. Schnell wird klar, auf der olympischen geht es anders zu als auf der Langdistanz. In letzterer geht es deutlich gemäßigter zu. Da richten sich alle erstmal in jeder Disziplin ein, versuchen ihren Rhythmus zu finden und Kräfte zu sparen, denn der Tag wird lang. Auf der Kurzdistanz geht es deutlich aggressiver zur Sache. Ich hänge mich an ein paar schnelle Füße und bin nach ca. 600m zu meiner großen Überraschung immer noch in der vorderen Gruppe. „Alter, das ist viel zu schnell. Das hältst Du nie durch“, denke ich und nehme etwas raus. Jetzt fühlt es sich zwar angenehmer an, aber ich verliere den Anschluss. Auf dem Rückweg schwimme ich dann allein und ohne Wasserschatten im Niemandsland zwischen den schnellen und den noch langsameren Schwimmern. Aber was soll’s. Ich bin ja zum Spaß hier und der Einstieg in den Tag ist auch schon mal schlechter gelaufen.

Also zurück in die Waagrechte und flugs zum Rad. Da ich mal gelernt habe, dass man auf Kurzdistanzen eine Strafe bekommt, wenn man Ausrüstung einfach auf dem Boden liegen lässt, stopfe ich mühsam den Neo, Kappe und Schwimmbrille in den Wechselbeutel. Die anderen nehmen es nicht so genau, lassen die Sachen liegen und flitzen los. Hätte ich auch mal machen sollen. Es regnet immer noch, als ich die Wechselzone verlasse. Auf meinem neuen Zeitfahrrad! Das habe ich mir nach Jahren endlich gegönnt. Allerdings hätte ich mir eine andere Strecke für die Premiere aussuchen sollen. Die Radstrecke am Schliersee ist etwas für wahre Aficionados des Radsports. Anspruchsvoll und technisch schwierig. Es geht ständig rauf und runter und wenn es mal runter geht, lauert auch gleich die nächste 90-Grad-Kurve. Bei Regen mit Bremsen auf Carbonflanken und schmalem Zeitfahrlenker ist das eine kitzlige Sache. Ich denke nur: safety first! Und trage das neue noch ungewohnte Rad geradezu um die Ecken. Bergauf macht sich die große Kurbel schmerzhaft bemerkbar. Das gute alte Aero-Rennrad wäre auf dieser anspruchsvollen Strecke die deutlich klügere Wahl gewesen.

Doch es gibt auch gute Nachrichten: nach ca. 15km kommt das Wasser nur noch von unten. Als mich der Spitzingsattel ausspuckt, scheint die Sonne. Hurra! Ich schlupfe aus den Radschuhen, rolle in die Wechselzone und steige flüssig fliegend ab. Wow! Das muss cool ausgesehen haben. Ab in die Laufschuhe!

Aus der zweiten Wechselzone geht es erstmal leicht bergab Richtung Laufstrecke. Wer auch immer sich das ausgedacht hat – früher lag die Wechselzone weiter hinten – versteht sein Handwerk. Denn durch das kleine Bergabstück kommt man wunderbar ins Laufen rein. Fühlt sich gut an! Die Sonne scheint! Wie geil! Ich fliege dahin.

„Hey, Du bist falsch! Da unten geht’s ab“, reißt mich ein anderer Teilnehmer aus den Träumen. Mist! Ich dachte oben nach einem kleinen Stück bergauf ginge es links runter zur Valepp, dabei war der Abzweig schon davor. Also wieder zurück und richtig in die Strecke einfädeln. Das wäre beinahe schief gegangen!

„Ich hatte ganz vergessen, wie schön die Laufstrecke hier ist“, freue ich mich, während ich im Auf und Ab der anspruchsvollen Strecke abwechselnd den Bergwald, das Alpen-Panorama oder die Kulisse des Spitzingsees genieße. Trotz der Anstrengung durchfließt mich ein großes Glücksgefühl. Nach all der Mühsal des Jahresanfangs, nach der Operation mit Krücken und Aircast-Stiefel, jetzt wieder Triathlon machen zu können, ist einfach zu cool. Schwimmen – Radfahren -Laufen, kein Sport bietet so viel Abwechslung und so viel Spaß in der Natur. Nach zwei Stunden und 50 Minuten trudele ich durch’s Ziel. Ist die Zeit gut oder schlecht? Sie ist vor allem eines: egal! Ein kleiner Pimpf hängt mir die Finisher-Medaille um. Ich weiß in dem Moment nicht, wer von uns beiden mehr Freude in den Backen hat.

Im Bereich direkt hinter der Finishline wartet bereits meine Familie auf mich. Auch das ist ein Vorteil einer Veranstaltung wie dem Sixtus Alpentriathlon am Schliersee. Im Gegensatz zu den Großveranstaltungen geht es hier familiär zu. Der Zielbereich ist keine abgeschottete Aerea. Zuschauer und Athleten können hier wieder zusammenkommen, sich verpflegen und weiter das Rennen verfolgen. Als Aktiver genießt man allerdings ein nicht zu vernachlässigendes Privileg: den frisch vor Ort zubereiteten Kaiserschmarr’n gibt es nur für die Teilnehmer. Die Mehlspeise ist ein Gedicht und ich teile sie gerne mit Frau und Tochter, die in Regen und Sommer-Sonne ausgeharrt haben, um nicht nur mich anzufeuern. So zeigt sich Triathlon am Schliersee von seiner besten Seite. Es ist und bleibt der schönste Sport der Welt!

Euer Stefan

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